subcutan - schockschwerenot

jenseits jenes kammes:

und Deine schartige kappe tief in die gedrückt Du und die langen und blonden heraus strähnen herausschauen wundervolle nase und das spaltige kinn vorgereckt als wolltest Du gleich und verkniffen der purpurne schmoll und voll hohn? und voll verachtung? und jetzt das ganze gesicht wie hinter einer sämigen milchglasbutze du und du wächst mit den gestreckten langstieligen kralligen händen zielend nach rechts ins tal? und bräunlicher hauch entlassen heraus und windet zum und umkreischt die schwarzigen seher mit den graugrauen pupillen kalt und eine weiße brust bloß und Du wächst und wächst und die hohen knarzigen gestiefel mit den goldgoldenen schschschnallen hoch über mir wolken um Deine schattige gewalt und dein kleiner achchchch unscheinbarer pfeil mit dem federchen mit den buntfederchen in meiner wehen flanke nicht zu fassen und das krümmt und das schmerzt so und alles ist so grau wie eben nicht und alles so so fleckig und alles so so so tief und der staub in meiner meiner nase und ich will ich will nicht so nicht so nicht so tief so schwarz Du mit Deinem betäubungsgewehr Du
Sommer '77: documenta 6:
Eine esoterische Schlange windet sich durch Ebenen und Räume des Fridericianums.
Als Einwohner von Rock City (die Existenzialisten und Hesse fröhlich überspringend - in einem Satz zu Kerouac-Beckett-Arno Schmidt: es ist nicht unbedingt folgerichtig, Beuys' Honigpumpe als Hauptwerk der d6 zu betrachten; Esoterik, Metaphysik, Versöhnung von Natur und Kultur (-Technik): Dinge, die nicht meinem Paradigma angehören. Das Un-Ironische ist unmodern und rückwärtsweisend, eine Utopie gegen die herrschenden Dystopien. Eine Metaphysik, die im Kontrast zum Zeitgeist über Erkenntnisgewinnung dreist hinausgeht.
Beuys, den ich bislang nur als brachialen Brecher von Kunsttabus wahrnehme: plötzlich Mensch. Schock.
Sommer '82: a.a.O.: Nichts zu sehen, nichts zu denken
Nach wenig amüsantem Besuch der d7. Ich sitze mit einer Vertrauten in einem Café an der Unteren Karlstrasse. Klaus Staeck im Jackett am Nebentisch. Beuys duckelt herein: Weste/Hut/abgewetzter Aktentasche.
Hier:
schwammeliger Nahostakzent: gebürtigen Dresdners, vogelig, kropfig aufgereckt mit dem Selbstbewußtsein der prozessualen Fremderfahrung - vielfeindvielehr - laut, präsent, agitil, unbekümmert: ein altes Kind der jungen Achziger.
Dort: leise, viel zu hohe Rauhstimme, lächerlicher Niederrheinakzent, klein, biegsam, halslos.
Und doch: den Raum füllt seine Präsenz.
Obwohl:
Sein Beitrag zur d7 ist ganz und gar unartifiziell: Geldeintreiben für ein paar Tausend Eichensetzlinge. Wiederum ganz und gar unironisch. Siebentausend Basaltblöcke nehmen die Bewohner der Stadt in Geiselhaft.
Immer noch wenig vertraut mit Ikonographie und zeitkonformer Rezeption "moderner" Kunst empfinde ich Beuys' Werk als wahr. Vor den Kaspereien Keith Harings, vor Jenny Holzers lyrischen Stickereien. Vor der verstörenden Sepia-Pracht der Becherschen Industriefotographie.
Ich verstehe plötzlich.
150/90
Plötzlich bleibe ich stehen mitten in einem Park Kopf im Nacken wie einst Murphy meine Augen saugen den Himmel an alles fließt durch die zwei Löcher in mich hinein in irrsinniger Geschwindigkeit inclusive einiger Fichtenwipfel ich glaube ich zwinkere nicht einmal die Augen werden trocken dazu kreischt es in mir wie eintausend Fingernägel auf einhundert Schiefertafeln ich schreie nach innen schreie zurück mit weitoffenem Mund gehörlos unhörbar bestimmt an die ... Minuten stehe ich so drehe mich dann um und gehe denselben Weg zurück und fühle mich gesund dabei.
Grafik © Moebius
Inmitten des subästhetischen Ambientes eines kleinstädtischen Italieners knipst mein Gastgeber das Kopfkino an, fasst mich am inneren Händchen und leitet den Niedagewesenen durch winterliche Boulevards links und rechts der Seine.